Dankbarkeit (Andacht)

*Je schöner und voller die Erinnerung, desto schwerer ist die Trennung.
Aber die Dankbarkeit verwandelt die Erinnerung in eine stille Freude.
Man trägt das vergangene Schöne nicht wie einen Stachel,
sondern wie ein kostbares Geschenk in sich.*

**Dietrich Bonhoeffer**

Liebe Leserschaft, liebe Gemeindeglieder,

vermutlich kennen sie diese Worte, denn sie schmücken zahlreiche Annoncen und oft auch Todesanzeigen. Es stammt aus einem Brief, den Bonhoeffer an seine Eltern und seine Verlobte am Heiligabend schrieb. Er verarbeitet hier den Trennungsschmerz, der ihn zum Weihnachtsfest ergriff.

Zu Recht, denn Bonhoeffer hat ja recht. Dankbarkeit- und darum geht es hier und jetzt- entsteht in der Vergangenheit und der Gegenwart und verändert unsere Blickrichtung auf unser Dasein.

Selten gelingt uns allerdings in der direkten Gegenwart Dankbarkeit zu empfinden. Und vermutlich geht es ihnen und Euch genauso wie mir- ich stelle fest, dass ich mir die Zeit zum „Nach-Denken“ -und also auch zur Dankbarkeit- kaum einmal nehme. Stattdessen leben und erleben wir, ein Eindruck tilgt den nächsten, und die Zeit zum Erspüren der Dankbarkeit nehmen wir uns selten.

Deshalb die direkte Frage: Wo hat sich bei Ihnen denn heute Dankbarkeit breit gemacht? Sind Sie dankbar—und wenn ja, wofür? Es kann uns ja helfen, Dankbarkeit zu leben.

Wir sind nun heutzutage mehrheitlich keine Gemeinschaft derer, die noch ihre Felder bestellt und sich gegenseitig beim Einbringen der Ernte hilft. Vielleicht tut es uns heute eben deshalb gut, einfach einmal „DANKE!“ zu sagen. Dem Nachbarn, der Ehepartnerin, den Kindern und den Arbeitskollegen.

Komisch, dass wir die Dankbarkeit immer wieder vergessen! Es hängt wohl auch damit zusammen, dass wir meinen, das Gute in unserem Leben sei sozusagen selbstverständlicher „Normalfall“. Dankbarkeit empfinden wir ja meist für Dinge aus der Vergangenheit, da war ein nettes Gespräch, eine freundliche Begegnung, da hat mir jemand eine Freude gemacht oder ein gutes Wort für mich gehabt.

Manchmal -wenn wir nicht allzu sehr mit „leben“ beschäftigt sind-, auch in der Gegenwart. Für Dankbarkeit brauchen wir Zeit.

Dabei tut uns Dankbarkeit gerade heute im Anno Domini 2026 immer noch und immer wieder gut. Ja, sie kann sogar das böse Gespenst des „hat ja sowieso alles keinen Zweck- und es wird immer schwieriger“ vertreiben und der eigenen Resignation entgegenwirken. Das schöne deutsche Wort „Erinnerung“ bedeutet ja, dass wir einstmals Geschehenes wieder nach „Innen“ in unser Herz und unsere Seele holen. Wer sich erinnert, lebt anders- und nimmt das bereits gelebte eigene Leben nochmal würdigend zur Hand.

Der Erntedanktag kann und will uns solch ein stilles Einhalten ermöglichen. Ein Fest der Dankbarkeit- damals oft für die (hoffentlich reiche) Ernte-, heute wie damals auch für Erlebtes und x-Erinnerungen, die sich in diesem Jahr bereits ereignet und gesammelt haben. Das hat auch immer mit unserer eigenen Lebenszeit zu tun: Dankbarkeit Gott gegenüber ist das Einzige, womit wir IHM die Ehre erweisen können- und was wir von uns aus leisten können und zu bringen haben. Wir können ja entscheiden, ob wir unser Leben vorrangig im Modus der Erwartungen oder aus der Dankbarkeit heraus gestalten. Loben zieht nach oben! (Ps.69, 31)

Ich rate zu gelassener Dankbarkeit- denn die wiederum erinnert uns daran, dass wir auch in Zukunft und weiter mit Gottes Beistand rechnen dürfen.

(Vgl 1.Thess.5, 18). So können wir ruhig und dankbar beten:

„Danke Gott, dass Du bei mir warst,
bei mir bist und immer in meiner Nähe
bist! Danke für Ruhe und Urlaub.
Danke für viele gute Begegnungen.
Danke für hinreichenden Verdienst, für
meine Familie und Freunde, für meine
Arbeit- und für die Hobbies, denen ich
nachgehen darf! Danke für die Gaben,
die du mir geschenkt hast. Danke, dass
du Gott bist und bleibst, mich liebst
und vergibst- mir und allen meinen
Mitmenschen. Danke dir dafür!

Darauf ein fröhliches AMEN- denn:
So soll es sein!

Ihr/Euer Albrecht Keller Pfr.